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das projekt
die
scharnweber straße 38/colbestraße 19 ist ein großes eckhaus
im berliner südfriedrichshain mit etwa 1200 m² bewohnbarer fläche
und zwei getrennt zugänglichen gebäudeteilen. das haus wird von einem
wohnprojekt, bestehend aus etwa 34 menschen unterschiedlichsten alters und herkunft,
genutzt, darunter einem kind. dies stellt die gruppe natürlich vor großen
herausforderungen. das zusammenleben in kollektiven strukturen ist zentraler
bestandteil unseres selbstverständnisses.
über die gemeinsame organisation des alltagslebens hinaus bedeutet das,
gemeinsam ein maximum an selbstbestimmung zu erreichen. die vorhandenen entscheidungsstrukturen
orientieren sich daran und sollen gleiche rechte und pflichten für alle
erwirken. praktisch bedeutet das, dass beschlüsse durch eine versammlung
aller bewohnerInnen im konsensprinzip gefasst werden. das betrifft sowohl entscheidungen
über die zukunft des projektes, als auch solche, neue bewohnerInnen aufzunehmen.
solidarisches wirtschaften ist kern und zweck der hausgemeinschaft. entsprechend
werden mietkosten unter berücksichtigung der individuellen möglichkeiten
solidarisch umgelegt, um unnötige härten gegenüber einkommensschwachen
menschen zu vermeiden. das haus verfügt über zwei gemeinschaftsräume,
ein büro, einen party-/konzertkeller, eine werkstatt und mehreren gemeinschaftlich
genutzten küchen. leben in kollektivem miteinander, gegenseitiger aufmerksamkeit
und verantwortung stellt hohe anforderungen an einzelne und die gemeinschaft.
persönliche konflikte, unterschiedliche lebensstile
und geldsorgen sind ausdruck der grenzen an die wir immer wieder stoßen.
wir sind jedoch der ansicht, dass in einer zeit in der menschen im wesentlichen
nach verwertbarkeit sortiert, vereinzelt und verbraucht werden, es für
uns keine alternative zu einem leben miteinander und in selbstbestimmten strukturen
gibt. die
S38 will mehr sein als ein reines wohnprojekt. unser konzept des lebens miteinander
in kritischer auseinandersetzung beinhaltet die nutzbarmachung des uns zur verfügung
stehenden raumes auch für andere initiativen und gruppen.
frustschutz e.v.
aus der S38 nicht wegzudenken ist der gemeinnützige „frustschutz
e.v.“ und seine vereinsräume im hochparterre. der verein trägt
sorge dafür, dass freiraum kein privileg der bewohnerInnen bleibt. hier
finden u.a. treffen von politischen gruppen, informationsveranstaltungen und
filmvorführungen statt. es gibt an regelmäßigen terminen für
alle besucherInnen essen gegen spende, dass von verschiedenen gruppen in der
vereinsküche gekocht wird. der „frustschutz“ gestaltet darüber
hinaus auch das leben im stadtteil mit. ein beispiel ist die mitorganisation
des straßenfestes in der rigaer straße im sommer 2003 unter dem
motto „berlin umsonst“. getragen wird der verein von bewohnerInnen
des hauses, gruppen und einzelpersonen aus dem stadtteil, die sich hier engagieren.
entscheidungen werden auf vereinsplena und den jährlich stattfindenden
hauptversammlungen in rücksprache mit dem hausplenum getroffen. im rahmen
der sanierung und umgestaltung im frühjahr und sommer 2006 wurden die räume
des frustschutz e.v. um den keller erweitert, so dass auch kulturelle veranstaltungen,
wie z.b. konzerte möglich sind.
offenes büro und versammlungsraum
seit frühjahr 2008 existiert ein versammlungsraum, welcher für gruppen
und initiativen aus dem stadtteil zur verfügung steht. mittelfristig ist
es geplant, ein offenes büro einzurichten. dieser soll insbesondere eine
niedrigschwellig nutzbare infrastruktur (raum, pc, fax, telefon, kopierer etc.)
für politische arbeit im stadtteil sowie raum für treffen und kleinere
veranstaltungen bilden.
antirassistische initiative (ari)
in die colbestr.19 ist nach der räumung des hausprojektes yorckstr.59 im
juni 2005 die ANTIRASSISTISCHE INITIATIVE (ARI) eingezogen. sie bietet u.a.
regelmäßige beratung und unterstützung für migrantInnen
an. nähere informationen zur arbeit der ARI befinden sich im netz unter
www.ari-berlin.org.
weitere projekte
parterre gibt es desweiteren die TEMPEST LIBRARY und den punk-diy-shop RUST IN PIECE (www.rustinpiece.blogsport.de). zusätzlich bietet das haus bands einen günstigen proberaum und platz für das bikekurier-kollektiv FAHRWERK (www.fahrwerk-berlin.de).



geschichte
die S38 ist ein junges hausprojekt mit einer langen geschichte. ein teil des hauses wurde im sommer 1990 besetzt und angesichts der sich bald darauf anbahnenden räumung ganzer besetzter straßenzüge in der nachbarschaft konnte das projekt zunächst mittels ausgehandeltem rahmenmietvertrag bis zum frühjahr 2001 gesichert werden. zu diesem zeitpunkt erfolgte die pro forma rückübereignung des hauses an den vorwendebesitzer mit sofortigem weiterverkauf an eine immobilien gbr. diese form der privatisierung ermöglichte die kündigung des rahmenmietvertrages. zurück blieben personengebundene einzelmietverträge zwischen den neuen eigentümern und einem teil der bewohnerInnen, die zur absicherung des projektes als ganzem unzulänglich waren. zudem wurden schnell die unterschiedlichen interessen deutlich: die eigentümer kündigten eine umfassende sanierung mit tiefgreifenden baulichen veränderungen an, doch aufgrund des widerstands der bewohnerInnen wurden diese pläne nicht weiter verfolgt. im herbst 2003 folgte dann im rahmen eines konfliktes über ausstehende mietzahlungen die kündigung aller bewohnerInnen durch den besitzer. nach längeren verhandlungen mit dem damaligen eigentümer und der GLS bank wurde das haus von den bewohnerInnen in zusammenarbeit mit dem freiburger mietshäusersyndikat am 5.april 2005 gekauft. durch den kauf des gesamten objektes scharnweberstr.38/colbestr.19 wurde die projektfläche nahezu verdoppelt.
die S38 im friedrichshainer südkiez
berlin friedrichshain mit seinen nunmehr bonbonfarben sanierten häuserfronten gilt den einen als angesagte ausgehmeile, den anderen als attraktiver wohnstandort und wieder anderen als gewinnbringende kapitalanlage. der größte teil der mietshäuser, nach dem ende der DDR zunächst in staatlichem besitz, ist privatisiert und anschließend saniert worden. dabei durchläuft ein haus, von der rückübereignung oder privatisierung über sanierung und aufteilung bis hin zum verkauf als eigentumswohnungen, oft mehrere kauf- und verkaufstransaktionen. spezialisierte firmen übernehmen dabei einen oder mehrere schritte. sie stehen unter einem enormen druck, schnell und mit hoher rendite zu arbeiten. steigende mieten, radikale änderung der bewohnerInnenstruktur sowie eine baulich oft miserable „sanierung“ sind die folgen. schnell erreichte die umstrukturierung ein solches tempo, dass der senat berlins teile friedrichshains zum „milieuschutzgebiet“ erklärte und subventionen im austausch gegen mietpreisbindung und belegungsrechte tauschte. diese maßnahmen sind jedoch ein stumpfes schwert - sie sind zeitlich befristet und nicht in der lage, den massiven sozialen druck der umstrukturierung friedrichshains zu puffern - deren verliererInnen sind, wie so oft, sozial schwache, familien, alte menschen und migrantInnen. dieser nur scheinbar uniform ablaufende prozess beinhaltet bei näherem hinsehen zahlreiche konflikte und brüche, zum beispiel die geschichte der friedrichshainer hausbesetzungen, aus dem werdegang die S38 nicht wegzudenken ist. die erhalten gebliebenen hausprojekte sind heute noch bedeutende anlaufpunkte für selbstorganisiertes, nichtkommerzielles leben in berlin friedrichshain. gerade in kulturellen und politischen bereichen bieten sie dringend benötigten raum für veranstaltungen unterschiedlichster art. so spielt die auseinandersetzung mit den aktuellen themen des sozialabbaus in der vernetzung der projekte untereinander und mit den bewohnerInnen des kiezes eine große rolle.
vernetzung von freiräumen
selbstbestimmte unkommerzielle strukturen sind eine wichtige chance zum erhalt
der kulturellen und sozialen vielfalt einer region. die vernetzung untereinander
spielt auch für den erhalt bedrohter projekte eine große rolle. so
sind projekte, die auf unterschiedliche weise einen weg gefunden haben, ihren
erhalt zu sichern, eine wichtige hilfe. deshalb arbeitet das hausprojekt scharnweberstr.38
mit projekten und initiativen in berlin aus unterschiedlichsten spektren politisch
zusammen. zu nennen wäre hier u.a. die unterstützung des hausprojektes
yorckstr.59 bei seiner anti-räumungskampagne, und der bewohnerInnen der
rigaerstr.84 nach dem brand ihres hauses.
bei der kooperation mit verschiedenen hausprojekten geht unsere zusammenarbeit
natürlich über die rechtliche organisationform des mietshäusersyndikats
hinaus. über die letzten jahre ist die zahl der mietshäusersyndikats-projekte
im raum berlin-brandenburg auf 9 gewachsen (grünbergerstr.73, oranienstr.45,
scharnweberstr.38, der wagenplatz convoi, das kubiz; soziales zentrum potsdam,
wohnprojekt eichelkamp potsdam, gutshof grauenhagen und hof frankfurt/oder).
das interesse an kollektivem wohnen ist nicht zuletzt wohl auf grund des massiven
sozialabbaus der letzten jahre ungebrochen groß.

der umbau
im juni 2005 haben die bewohnerInnen mit der instandsetzung des hauses und dem projektgerechten umbau begonnen. die gröbsten arbeiten sind seit 2009 erledigt. folgende bauvorhaben wurden bereits realisiert:
•
sanierung des hausschwammbefalls und abriss des baufälligen kellers unter
dem hof
• anschluß der zusätzlichen wohnungen durch durchbrüche
• überprüfung und an einigen stellen verstärkung der deckenbalken
• austausch der fenster durch moderne isolierglasfenster
• erneuerung der elektrik mit kupferkabel
• instandsetzung des keller
• bau des konzertkellers
• sanierung der vereinsräume im hochparterre
• verlegung von ethernetkabeln in alle zimmer
• bau weiterer vermietbarer zimmer durch beseitigung von durchgangszimmern
• außenabdichtung des kellers
• einbau einer zentralheizung. hier ist die wahl auf eine holzpelletheizung
gefallen. nicht nur auf grund der ökologischen vorteile einer holzfeuerung,
sondern auch um die mieten in zeiten stetig steigender öl- und gaspreise
langfristig niedrig halten zu können.
• abriss und neubau/verlegung der sanitärstränge
• bau neuer bäder und toiletten, deren lage und einrichtung auf bedürfnisse
einer haus-wg ausgelegt sind
• fertigstellung der beiden gemeinschaftsräume
• bau zusätzlicher treppen im kellerbereich
• fertigstellung des versammlungsraums
• einrichtung eines gästezimmers
• wiederherstellung und umgestaltung von garten und hof
da wir uns als soziales wohnprojekt verstehen, soll die zusätzliche fläche für mehr menschen als bezahlbarer wohnraum zur verfügung stehen. die vergrößerung bedeutet auch teilweise eine umstrukturierung des projektes, z.b. durch die einrichtung mehrerer gemeinschaftsküchen. dennoch sollen die grundsätze der derzeitigen struktur beibehalten werden: das leben in großen kollektiven mit politischem anspruch im alltag bleibt der kerninhalt; eine aufteilung in kleinere oder individuelle mietparteien erscheint uns für das gesamtprojekt nicht wünschenswert. zentral ist ebenso die beibehaltung kollektiver entscheidungsstrukturen an deren genauerer be- und festschreibung wir immer wieder gemeinsam arbeiten. mit dem zuzug einer großen zahl neuer menschen und der wesentlich veränderten situation der „besitzenden“ selbstverwaltung stellt das haus vor neue aufgaben. der soziale charakter des projektes muss erhalten bleiben, was bedeutet, dass erschwingliche mieten und die solidarische verteilung der kosten unabdingbare voraussetzungen bleiben. so sollen sozial benachteiligte oder alleinerziehende mit kind nicht den vollen bzw. doppelten satz zahlen müssen. entsprechend werden möglichkeiten der umlagefinanzierung erhalten, bzw. ausgebaut. neben dem gemeinsamen leben ist uns die öffnung des projektes für nicht-bewohnerInnen wichtig. die gemeinsame organisation und unterhaltung der räume soll wie bisher in enger anbindung an das wohnprojekt, erfolgt aber als eigenes kollektiv und unter beteiligung externer gruppen und einzelpersonen. damit diese form der nutzung nicht zu lasten, sondern als sinnvolle ergänzung der wohnfläche eingerichtet wird, wurden vor allem gebäudeteile mit minderer wohnqualität verwendet. neben der nutzung der zentral gelegenen vereinsräume im hochparterre für versammlungen etc. könnten diese räumlichkeiten im kiez dringend benötigte, nichtkommerzielle büro- und werkstattflächen darstellen.
politisch und sozial wohnen
die berliner regierung – egal ob rot oder schwarz – versucht hausprojekte, wagenburgen oder andere politische initiativen entweder tot zu integrieren oder überzieht sie mit repressionen bis hin zur räumung. im rahmen der seit mehr als 25 jahren bestehenden „berliner linie“ werden neubesetzungen von häusern und plätzen innerhalb von wenigen stunden durch die polizei geräumt – auch ohne anzeige des eigentümers. eine linke, emanzipatorische bewegung braucht jedoch freiräume, um sich zu organisieren und kollektives leben und arbeiten zu erproben. hausprojekte und wagenburgen spielen hier gerade als treffpunkte für initiativen oder auch als rückzugs- und schutzräume eine entscheidende rolle. der kauf des hauses scharnweberstr. 38/colbestr. 19 stellt zwar auf den ersten blick ein einlassen auf marktwirtschaftliche strukturen und die spielregeln des systems dar. er ist jedoch unserer meinung nach zur zeit die einzige realistische möglichkeit, „unser“ projekt als ort kollektiven lebens und politischer organisation langfristig zu erhalten. fasst man die bisher gemachten erfahrungen innerhalb des projektes und unsere politischen ansprüche zusammen, so ergeben sich bestimmte anforderungen an ein kaufkonzept:
nachhaltigkeit:
der mit dem kauf des hauses durch die bewohnerInnengemeinschaft verbundene aufwand
und die entstehende finanzielle belastung sind nur dann zu rechtfertigen, wenn
dem sozialpolitischen aspekt der dauerhaften sicherung von kollektivem wohnraum
rechnung getragen wird. sinn des kaufes, auch im interesse künftiger projektbewohnerInnen,
ist der definitive schutz des hauses vor vermarktung von jedweder seite.
sozialverträglichkeit:
durch die im rahmen von kauf und werterhaltender sanierung anfallenden kosten
wird eine erhöhung der mieten im haus unvermeidlich. ein funktionstüchtiges
konzept wird dabei die möglichkeiten der bewohnerInnen nutzen, aber auch
individuelle grenzen beachten. einer schleichenden änderung der sozialen
struktur des hausprojektes wird so vorgebeugt.
kollektivität:
ein so umfangreiches vorhaben kann nur durch eine lastenverteilung auf eine
möglichst große personengruppe realisiert werden. ziel muss es sein,
alle menschen, die ein interesse an ausbau und sicherung des projektes haben,
in den kaufprozess mit einzubinden. das schließt sowohl menschen ein,
die ihr interesse aus einer nutzung des wohnraums oder der infrastruktur beziehen,
als auch einen solidarischen personenkreis mit vordringlich sozialpolitischer
motivation.
.
mit diesen anforderungen im hinterkopf wurden eine reihe verschiedener realisierungsmodelle diskutiert, wobei immer wieder auf reale beispiele aus der friedrichshainer hausprojektelandschaft und deren erfahrungen zurückgegriffen werden konnte. im engen austausch mit anderen projekten fiel unsere wahl auf das modell des freiburger mietshäusersyndikats. entscheidend war neben kriterien der durchführbarkeit vor allem die sympathische ausrichtung der kaufvorgänge innerhalb des syndikats auf die dauerhafte kollektivierung von privateigentum. um der dem freiburger finanzierungsmodell zugrundeliegenden dreiteilung gerecht werden zu können, wurde sofort mit dem aufbau einer funktionierenden öffentlichkeitsarbeit sowie dem einwerben kurzfristig verfügbarer direktkreditzusagen und bürgschaften begonnen. der organisatorische rahmen, wie etwa die dazugehörigen vereinbarungen, orientiert sich ebenfalls an bewährten modellen, namentlich der projekten grünbergerstraße 73 und oranienstraße 45 in berlin. seit juni 2004 ist das projekt teil des mietshäusersyndikats. diese gesellschaft aus freiburg arbeitet seit 1993 unter dem motto „ein dach über dem kopf für alle“ an der sicherung bezahlbaren wohnraums. da die bewohnerInnen solchen wohnraums in der regel nicht über die mittel verfügen, auf herkömmliche arten des immobilienerwerbs zurückzugreifen, wurde ein in deutschland einzigartiges system entwickelt. seit bestehen des syndikates konnten so zahlreiche projekte, vom einzelhaus bis zur fabrikanlage, gekauft werden. am beispiel unseres projektes wird das prinzip schnell klar: das projekt scharnweberstr.38/colbestr.19 hat zunächst den trägerverein „eid e.v.“ als vertretung der bewohnerInnen und nutzerInnen gegründet. dieser gründete am 2.2.2005 gemeinsam mit der mietshäusersyndikat-gmbh die „itzevil gmbh“. diese kaufte am 5.april das objekt. dabei stellt der verein 51% der anteile und das syndikat hält eine sperrminorität von 49%. damit können etwaige wiederverkaufs- oder reprivatisierungsversuche der bewohnerInnen verhindert werden, so daß das haus dauerhaft seiner eigentlichen bestimmung erhalten bleibt.